Ein letztes Mal

„MAMA-AAA, Arm!“

Ihr werdet dieses Bild sicher schon von Instagram kennen und daher auch wissen, dass dieser Satz momentan einer meiner liebsten ist. NICHT! Vor allem dann nicht, wenn ich ihn beim Autofahren, beim Kochen oder aber ihn am Tag bereits zum 500. Mal höre. Zugegeben, diese Zahl mag übertrieben klingen. Das ist sie auch. Jedoch ist Ben durchaus geübt darin, sich sekündlich um die zehn bis zwanzig Mal zu wiederholen und dabei die Penetranz seiner Stimme deutlich zu steigern, was wiederum meine Alarmglocken schrillen lässt. Ich möchte doch nur ein Mal, ein einziges Mal das, was ich eben in die Hand genommen und begonnen habe, vernünftig und vor allem alleine, ohne seine Hilfe, zum Abschluss bringen! Warum zum Teufel scheint dies nicht möglich zu sein? Nie? Niemals!

Auf der Palme

Ihr kennt sie sicher alle. Diese Momente, die einen ruck, zuck auf die Palme bringen und innerlich kochen lassen. Diese Momente, die diese kleinen Menschen mit ihrem bereits voll ausgeprägten und starken Charakter bestens kennen und zu gerne anstoßen. Diese Momente, in denen man sich nichts sehnlicher wünscht, als dass das Kind brav alleine spielen oder doch aber bereits friedlich schlafen würde. Diese Momente, die man einfach nur für sich haben möchte. Für sich alleine!

Ja, auch ich habe sie. Besser gesagt, ich hatte sie. Größtenteils. Denn seit ein paar Tagen beschäftigt mich ein Artikel. Ein Artikel der ursprünglich bei der Huffington Post USA erschienen und dessen deutsche Übersetzung hier zu lesen ist. Ein Artikel, der nicht nur zum Nachdenken anregt. Nein, vielmehr ist es ein Artikel, der seine Leser zum Umdenken und in Folge dessen auch zu korrigierten Handlungen bewegt.

Ich habe mich also gefragt, was Ben mir mit diesen zwei Worten, die ich teils nicht mehr hören wollte, versucht hat mitzuteilen? Ihm vorzuwerfen, er wolle bewusst mein inzwischen eh sehr dünnes Nervenkostüm angreifen ist schlicht und ergreifend falsch. Viel mehr noch. Mit dieser Annahme verletze ich die Gefühle meines Kindes. Die Gefühle, ob Freud oder Leid, die er mit mir, seiner Mutter und auch seinem Vater, teilen möchte. Gemeinsam mit uns möchte er die Welt, seine Welt, entdecken und erleben. Und genau dieses gemeinsam ist es, was wir Eltern als Geschenk und nicht als Last sehen sollen.

48 Stunden

Ich weiß. Auch mein Tag hat lediglich 24 Stunden. 24 Stunden, die selbst als doppeltes wohl nicht genügen würden, um all unseren Ansprüchen, den der kleinen Menschen und den unseren, vollkommen gerecht zu werden. Dennoch sollten wir jede Sekunde dieser 24 Stunden, die wir von unseren Kindern gebraucht werden, genießen. Denn wer weiß schon, wann dieses gebraucht werden ein Ende hat? Wer weiß schon, wann all die akkurat verzeichneten ersten Male durch die letzten Male abgelöst werden und jeden einzelnen noch so magischen Moment des gemeinsamen Erlebens verblassen lassen? Wer weiß schon, wie es sich anfühlen wird, das eigene Kind ziehen lassen zu müssen, weil die Zeit gekommen ist. Die Zeit, die das eigene Kind zu einem unabhängigen Erwachsenen hat werden lassen?

Wie dem auch sei. Wir haben noch Zeit. Viel Zeit und genau diese sollten wir nutzen. Nutzen, um unseren Kindern die Kindheit zu ermöglichen, die sie sich wünschen. Mit alle dem, was dazu gehört. Hand in Hand in Pfützen zu springen – die teuren Schuhe? Sei es drum! Sich ein tropfendes Schokoladeneis aus der kleinen Kinderhand, die es stolz hält, teilen – die weiße Hose? Sei es drum! Arm in Arm kuschelnd einzuschlafen – die Wäscheberge, die seit Tagen warten? Sei es drum! … An dieser Stelle könnte ich noch viele weitere Beispiele, die auch ihr aus eurem Alltag kennen werdet, aufzählen. Ich vermute aber, dass ihr bereits versteht, worauf ich hinaus will? Es ist die gemeinsame Zeit! Die gemeinsame Zeit, die uns, ist sie erst einmal verstrichen, keiner zurückgeben kann. Im Gegensatz zu den verpassten Schaumbädern, den Girls Nights out oder den gemütlichen ausgedehnten Dinnern. All das Vergnügen können wir, neben der lästigen und doch unerlässlichen Hausarbeit, nachholen. Irgendwann! Diese eine besondere Kindheit jedoch nicht. Und genau aus diesem Grund will und werde ich achtsamer sein. Achtsamer im Umgang mit Ben und in Bezug auf meine Reaktionen ihm gegenüber. Sicherlich werde ich mich auch zukünftig freuen, sollte er an dem ein oder anderen Abend früher zu Bett gehen wollen oder aber nach dem Einkaufen für eine halbe Stunde zu unseren Nachbarn, Oma und Opa von nebenan, verschwinden und mir somit wenige Minuten zum Durchatmen gönnen, … Versuchen, ihn in diese Richtung zu drängen, um meinen Bedürfnissen, die mir durchaus zustehen, zu frönen, werde ich jedoch definitiv nicht. Möchte ich doch diese unzähligen Male bis zum letzten Mal bewusst genießen. Gemeinsam mit meinem Kind.

Vermissen

Denn das Vermissen wird uns über kurz oder lang einholen und uns traurig stimmen, sollte uns eines Tages bewusst werden, dass die kostbarsten Momente bereits verblasst sind, weil wir Chancen über Chancen ungenutzt ließen und dem Alltag Vorrang gewährten! Also: lasst sie uns nutzen, statt bereuen. Jede einzelne Chance!

1 Comment

  1. Barbara

    Liebe Anna, gerade ich als ältere Frau vermisse jetzt alle die von dir beschriebenen Begebenheiten so sehr. Ich habe solche Gedanken auch öfter gehabt, als meine Drei klein waren. Auch ich ließ Arbeit…Arbeit sein, wenn ich spürte, sie wollen mit mir die Welt erleben, spielen, malen, singen oder anderes. Ich freue mich für euch, dass ihr all`das erleben dürft und Ben so eine schöne , behütete Kindheit hat. Wie schön bei euch zu sehen, dass ihr die gemeinsame Zeit so ausgiebig genießt. Viel zu schnell ist alles vorbei und die lieben Kleinen laufen einem davon , zu ihren Freunden und ihren Hobbys, die dann wichtiger sind als die Mama oder der Papa.

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