Wie aus einer geplanten Hausgeburt eine spontane Alleingeburt wurde

… Berichtet euch heute eine liebe Freundin. Mutter dreier Kinder, die nach einer fremdbestimmten Horror-Geburt und einer besorgniserregenden Diagnose ihren Wunsch nach einer selbstbestimmten Hausgeburt nicht aufgab und letztendlich, zusammen mit ihrem Mann, ihren dritten Sohn alleine auf die Welt brachte.

… Eine Frau, die beweist, zu welch Wundern das weibliche Geschlecht im Stande ist. Eine Frau, die Betroffenen Mut macht. Und eine Frau, der mein größter Respekt gebührt!

Meine geplante Hausgeburt

Bereits in der neunten Woche machte ich mich auf die Suche nach einer geeigneten Hebamme. Ich wollte mein Kind dieses Mal zu Hause bekommen. Nicht wieder in die Klinik fahren, zu völlig fremden Menschen und mich wie ein Stück Fleisch regelmäßig und ohne Vorwarnung ‘begrapschen’ lassen.

Fremdbestimmt

Mein erstes Kind kam als Frühchen zur Welt. Zwei Monate zu früh. Trotz aller Bemühungen. Ab dem vierten Monat bin ich nur noch gelegen und hatte zudem einen Ring auf dem Muttermund. Dennoch machte sich mein Sohn einfach viel zu früh auf den Weg. Damals, noch recht jung, hatte ich keinerlei Mitspracherecht im Kreißsaal. Es wurde geschnitten, wann es die Ärzte für richtig hielten und hier und da wurde auch gerne mal ein Katheter gelegt, obwohl ich jedes Mal „NEIN!“ sagte.
Teilweise kam nicht mal ein „Hallo“, wenn neue Menschen in den Kreißsaal kamen. Wichtig war nur, dass sie ihre Hände irgendwo an oder in mich taten, ohne mich zu beachten.

Die Traumgeburt (m)eines Wunderbabys

Die Geburt meines zweiten Kindes glich dann schon fast einer Traumgeburt: Morgens um fünf Uhr platze meine Fruchtblase und wir machten uns auf den Weg in die Klinik. Aufgrund von Auffälligkeiten in der Schwangerschaft war es wichtig, dass ich in einer Klinik mit Säuglingsstation entbinde, sonst wäre bereits Kind Nummer zwei in unserem Zuhause zur Welt gekommen.

Aller guten Dinge sind drei!

Und dann war sie da, Schwangerschaft Nummer drei und dieses Mal sollte unser Kind zu Hause das Licht der Welt erblicken. Kann ja nicht so schwer sein. … Dachte ich!

Direkt zu Beginn der Schwangerschaft stellte ich fest, dass die Suche nach einer Hebamme auf dem Land alles andere als einfach war. Im Umkreis von fünfundzwanzig Kilometern suchte ich vergebens nach der passenden Hebamme. Nach einer Woche erweiterte ich meine Suche auf dreißig und anschließend auf fünfunddreißig Kilometer, denn die Versicherungen, die Hebammen für Hausgeburten abschließen müssen, sind enorm hoch und so ist die Zahl der Hebammen, die diese anbieten, schwinden gering. So gab es in meiner Nähe genau eine, die vor zwei Jahren jedoch leider verstorben war. – Und die Hebammen, die meine Wunschgeburt über fünfunddreißig Kilometer weit entfernt anbieten, sagten mir, dass ihnen der Weg leider zu weit es. Da saß ich nun. Offenbar wieder gezwungen, in der Klinik zu entbinden.

Nach einer kurzen Frustphase habe ich dann eine Anzeige im Internet gestellt. Eventuell gab es ja doch eine Hebamme, die ich über die Webseite der Hebammensuche nicht gefunden hatte.
Mein Handy klingelte fast ununterbrochen und ich bekam viele Hinweise, aber leider waren es nur Hinweise auf Hebammen, die keine Hausgeburten anboten.

Gesucht und gefunden

In der vierzehnten Schwangerschaftswoche erhielt ich dann eine Nachricht von einer Frau, deren Freundin vor kurzem eine Hausgeburt hatte. Genau einen Ort und fünfzehn Fahrminuten weit entfernt.
Voller Freude notierte ich mir den Namen und den Wohnort der Hebamme. Leicht ermutigt rief ich schließlich siebzig Kilometer weit entfernten an und eine freundliche Stimme begrüßte mich. Sie fragte nach meiner Adresse und sagte mir, dass sie gleich wieder anrufen würde. Sie müsse nur den Weg in ihr Navi eingeben, um die Entfernung berechnen zu können. – Um mir dann zuzusagen. Endlich hatte ich eine Hebamme für meine Hausgeburt gefunden!

Die Schwangerschaft verlief ohne große Probleme. Den Ultraschall lies ich ausfallen und besuchte stattdessen lieber meine Hebamme für die Vorsorge. Sie tastete nach dem Baby und hörte die Herztöne ab. Alles ganz entspannt, wie ich es mir gewünscht hatte. Bei jedem Besuch nahm sie sich über eine Stunde Zeit. Nur für mich und mein Baby. Gegen Ende der Schwangerschaft kam die Hebamme dann mich besuchen, um mir Entspannung zu verschaffen.

Der errechnete Termin war der 04.09.2017 und von Anfang an sagte mir meine Hebamme, dass Sie bis zum 28.08.17 im Urlaub sei, ganze drei Wochen. In dieser Zeit würde ihre Kollegin zu mir kommen.
Für mich war das kein Problem, ich lernte beide Hebammen kennen und war der festen Überzeugung, dass ich das Kind im Zweifel alleine bekommen könnte.
Sechs Wochen vor der Geburt hatten wir unser Aufklärungsgespräch. Eine Reihe an Formularen wurde ausgefüllt und all die Dinge besprochen, die mein Mann und ich für die Hausgeburt vorbereiten sollten. Der für uns skurrilste Punkt auf der Liste waren Hammer und Nagel. Für was man das wohl braucht? – “Eventuell für die Fruchtblase?!” scherzte mein Mann. Letztendlich ist beides nur für eine eventuell notwendige Infusion gedacht. Um diese nicht ununterbrochen hoch halten zu müssen.

Drei Wochen vor der Geburt hatten wir alles fertig. Im Babybett standen zwei Wäschekörbe mit den benötigen Utensilien. Die Liste mit Notfallnummern lag einmal im Auto und einmal neben dem Telefon. Der Plan für Tag x stand fest: 1. Die Hebamme anrufen, damit sie ihre Reise antreten konnte. 2. Den Babysitter aus fünfunddreißig Kilometern Entfernung ordern, schließlich müsste jemand auf die Kinder aufpassen. 3. Meinen Mann anrufen, da dieser mit nur fünfzehn Minuten den kürzesten Anfahrtsweg hätte und am schnellsten hier sein könnte.

Bereits im Mutterschutz angekommen hatte, ich genügend Zeit, all die Dinge zu erledigen, die ich während meiner Arbeitszeit nicht geschafft habe: Fenster zu putzen, wie auch sämtliche Schränke innen und außen und neu einzuräumen, dem verwilderten Garten den Kampf anzusagen und den Keller zu entrümpeln. Ich hatte viel zu tun, jedoch keine Langeweile!

Fehlalarm?

Am 23.08.17 um zwei Uhr nachts wachte ich mit Schmerzen auf. Ich hatte gerade von einer Geburt geträumt. Die Schmerzen waren nicht weiter wild. Und eventuell auch nur Einbildung, weil ich gerade diesen Traum hatte? … Oder wieder mal viel zu spät wach geworden war und daher ein zu hohen Blasendruck hatte? Also ab auf die Toilette, Blase leeren und wieder schlafen. Daraus wurde leider nichts, denn in unregelmäßigen Abständen kamen Krämpfe, die sich als Wehen entpuppten. Mein Mann wurde wach und ich erzählte ihm von meiner Vorahnung. Fest entschlossen, sollten diese regelmäßiger werden, meine Hebamme anzurufen. Schließlich hat sie ja auch einen recht langen Weg vor sich.
Um fünf Uhr morgens ging ich erneut auf die Toilette und es sollte der letzte Toilettengang vor dem Anruf werden. Ich hatte Durchfall. Der Darm entleerte sich. Und plötzlich kehrt Ruhe ein.
Keine Schmerzen, keine Krämpfe, kein harter Bauch mehr. Ich war total müde und wirklich froh, dass die Anstrengung ein Ende gefunden hatte und fragte mich, ob es doch keine Wehen waren? Vermutlich nur Krämpfe wegen dem Durchfall?
Egal. Ich wollte schlafen, einfach nur schlafen.

24.08.17 um sechs Uhr dreißig. Mein Kleiner wurde wach und war der festen Überzeugung, er steht jetzt auf und kann mit Mama toben. Völlig übermüdet schlichen wir stattdessen zum Frühstück. Heute wollte ich nichts sehnlicher als meinen Morgenkaffee. Wenn auch koffeinfrei. Kaffee musste sein!
Um acht Uhr ging es dann wieder los und ich bekam erneut diese lästigen Krämpfe. Ich hoffte erneut auf Durchfall und die anschließende Erleichterung. Doch nichts passierte. Immer wieder ging ich auf die Toilette, erledigte meine Pflicht und hatte dennoch weiterhin Krämpfe. Mal alle fünf Minuten, dann wieder mit einer dreißigminütigen Pause.
Da fiel mir ein, der Große ist zum Geburtstag eingeladen und es muss noch ein Geschenk her, also hieß es für mich ab in den Drogeriemarkt, Spielsachen kaufen. Das kam mir gerade gelegen, denn mein Badeöl war leer und in den letzten Wochen habe ich nichts so lieben gelernt, wie eine viel zu heiße Badewanne mit Melissenöl.
Zudem war der Wocheneinkauf fällig.
Also ging es ab ins Auto. Trotz Krämpfen, die weder die Fahrt, noch den Einkauf angenehmen ablaufen liesen.

“Das Baby kommt!”

Als wir um elf Uhr wieder zu Hause waren, sehnte ich mich nach meiner geliebten Badewanne, aber der Tag war noch zu jung. Außerdem wollte gleich ein netter Mann kommen, der sich für meine Anzeige ‘Buchsbäume zu verschenken’ in den Kleinanzeigen interessierte. Und das Mittagessen musste auch noch gekocht werden, um meinen hungrigen Mann Punkt zwölf Uhr verköstigen zu können. Als zwölf Uhr fünfzehn die Buchsbäume abgegeben und mein Mann zu Hause waren, beschloss ich, mich für wenige Augenblicke auszuruhen, ehe ich meinen Sohn gegen dreizehn Uhr zum
Mittagsschlaf hinlegen und meinen Mann erneut in die Arbeit verabschieden würde. Als der Große sich dann einem Taschenbuch widmete, legte ich mich erneut hin, bis ein ungutes Gefühl in mir aufkam: Sollte ich zum Frauenarzt fahren und nach dem Baby in meinem Bauch sehen lassen? Es war inzwischen nach vierzehn Uhr, ich musste erneut auf Toilette und informierte meinen Mann, dass ich auf Nummer sicher gehen und die Lage kontrollieren lassen wolle, wenn dieser um fünfzehn Uhr wieder öffnen würde. Während dieser gut zehn Minuten, die inzwischen vergangen waren, spürte ich zwei sehr schmerzhafte Wehen. Die Nachricht war gerade gesendet worden, rief ich ihn schreiend an, dass er bitte SOFORT nach Hause kommen möge!

Mein großer Sohn stand mir inzwischen mit tief betroffenen Blick gegenüber und ich krabbelte mit letzter Kraft auf allen vieren ins Bad und ging erneut auf Toilette, als mein Mann, vierzehn Uhr fünfundvierzig, endlich in der Tür steht. “Das Baby kommt!” „Hast du die Hebamme angerufen?“ „Nein das ging nicht mehr. … Ruf du an!“ Als diese sich bei mir versichert hatte, dass ich Geburtswehen habe, versprach sie mir, auf der Stelle loszufahren.

Mein Mann sprang hektisch durchs Haus, machte den Backofen an und legte die vorbereiteten Handtücher hinein, deckte das Bett mit Folie ab und bezog es notdürftig mit weiteren Handtüchern. Inzwischen war auch der Mittagsschlaf unseres kleinen Mannes beendet und er stand, verwirrt durch Mamas offensichtliche Schmerzen bei mir im
Bad, bis mein Mann mit einer Kinder-DVD und Naschereien die Jungs ins Obergeschoss lotste, um sie damit dort abzulenken.

Gerade erst eingelassen, fühle ich mich in meiner Badewanne sehr unwohl und benötige die Hilfe meines Mannes, diese wieder zu verlassen, doch weit kommen wir nicht. Ich habe alle zwei Minuten Presswehen und möchte unbedingt in mein weiches Bett, obwohl mein Mann mir anbietet, Kissen und Decken ins Bad zu holen.

In Windeseile

Im Bett angekommen habe ich bereits das Gefühl, das Köpfchen drückt unten raus. Immer wieder taste ich mit meiner Hand und fühle bei den Presswehen zunehmend, wie sich das Köpfchen langsam nach außen drückt. Mein Mann schaut mir immer wieder tief in die Augen und erinnert mich ans Atmen.
Kontrolliert versuche ich nicht zu fest zu pressen und dem Babyköpfchen etwas mehr Zeit zu geben. Stück für Stück schiebt es sich weiter nach außen, bis ein ‘Plopp’ ertönt. Mein Mann springt sofort auf und schaut nach unserem Baby. Ein Schrei. Dann ist Ruhe.
Etwas panisch frage ich, was los ist. „Die Nabelschnur liegt um den Hals.“ Das Baby ist weiterhin ruhig und ich warte verzweifelt auf die nächste Wehe. Mein Mann streichelt das Köpfen und versucht dem Baby zu helfen. Weiterhin Ruhe.
Gefühlte fünf Minuten später kommt endlich die erlösende Wehe und unser Jüngster liegt in den Armen meines Mannes. Im Zimmer wird es wieder lauter. Er legt mir den Kleinen auf die Brust und holt die warmen Handtücher aus dem Backofen. Es ist fünfzehn Uhr zwanzig.
Unsere zwei großen Söhne stehen in der Tür und wollen freudig das kleine Baby begrüßen. Mit großen Augen bestaunen sie unser kleines Wunder, welches es so eilig hatte, dass es zehn Minuten vor dem Babysitter und zwanzig Minuten vor der Hebamme da war.

Die schönste Erfahrung

Die Alleingeburt meines dritten Sohnes war die schönste Erfahrung für mich und auch für meinen Mann.
Ich habe wieder gelernt, mehr auf meinen Körper zu hören. – Darf ich schon Pressen? Ist der Muttermund auf? Ist das alles richtig? Diese Fragen haben mich zu Beginn des Geburtsvorganges behindert und blockiert. Schnell habe ich gelernt loszulassen und zu vertrauen. Auch die Bindung zu meinem Mann ist nun viel inniger.
Ich konnte mir nie vorstellen, dass mein Mann die Geburt aus dieser Perspektive sehen und aktiv erleben würde. Ich war immer der festen Überzeugung, dass mein Mann hinter meine Schultern gehört. So habe ich es ihm auch gesagt, als meine Hebamme mich fragte, ob mein Mann das Kind entgegen nehmen soll.
Jetzt wo die Hebamme allerdings nicht da war und mein Mann ihre Position eingenommen hat, fühle ich mich viel enger mit ihm verbunden. Auch mein Mann erzählte mir nach der Geburt, was für ein unglaublich tolles Gefühl es war, unseren Sohn als aller Erster zu halten und ihm auf die Welt zu helfen. „Ich kann die Männer nicht verstehen, die sich nicht in den Kreissaal trauen. Sie verpassen das wohl atemberaubendste Ereignis überhaupt!“ waren die Worte meines Mannes.
Und bin unendlich froh, dass mein Mann diesen Moment, den ich ihm unter normalen Umständen verweigert hätte, erleben durfte. Es war nicht unangenehm, peinlich oder seltsam. Viel mehr war es verbindend.

… Die ‘Sauerei’ im Haus hielt sich in Grenzen. Ein Wäschekorb voll mit Handtüchern und eine kleine Mülltüte mit Einwegmaterial.

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